Freie Software in der Verwaltung

Freie Software gewinnt zunehmend an Bedeutung. Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ist im Koalitionsvertrag für eine Landesregierung, in diesem Fall Schleswig-Holstein, der komplette Umstieg auf Freie Software verankert. Ebenso geht der Weg auf EU-Ebene in Richtung Freie Software, wo 32 EU-Minister, die für E-Government zuständig sind, in der Tallinn-Erklärung den Einsatz Freier Software vorantreiben. In allen Fällen wurde erkannt, dass Freie Software ihren Nutzen besonders in Behörden entfalten kann. Die Stadt München entscheidet gerade darüber welche Rolle Freie Software dort in Zukunft spielen soll und dafür möchten wir gerne eine Entscheidungshilfe liefern.

Unabhängigkeit von einzelnen Anbietern

Ohne die Freiheit, ein Programm zu ändern oder ändern zu lassen, blieben Anwender vom Wohlwollen des Anbieters abhängig. Im Gegensatz zu unfreier Software, können Behörden, ohne dass sie jemanden fragen oder gar um Erlaubnis bitten müssten, Freie Software an ihre Bedürfnisse anpassen. Gerade im Hinblick darauf, dass Behörden in vielen Fällen ganz spezielle Anforderungen haben, ist dies ein bedeutender Vorteil. Aus diesem Grund ist es von entscheidender Bedeutung sich jetzt nicht wieder Vendor-Lock-In auszuliefern, sondern die gewonnene Autonomie und Gestaltungsmöglichkeit zu behalten.

Makroökonomische Vorteile

Da Freie Software von jedem weiterentwickelt werden kann, ergibt sich hier erstmals echte Chancengleichheit für Unternehmen. Statt einzelner privilegierter Anbieter, können nun alle interessierten Unternehmen Erweiterungen, Pflege und allgemeinen Support anbieten. Dadurch eröffnen sich Chancen für lokale KMU und es werden Wettbewerb und freier Markt gefördert.

Digitale Teilhabe

Freie Software ist grundsätzlich interoperabel und implementiert in der Regel freie Standards. Dies bedeutet, dass Lock-In-Effekte von Anfang an maximal sehr begrenzt vorhanden sind und so jeder an der digitalen Gesellschaft teilhaben kann. Da bei unfreier Software oft die Situation so ist, dass Menschen gezwungen sind geteilte Informationen mit einem bestimmten Programm zu betrachten oder zu übermitteln, sind hier gerade sozial schwache Gruppen, die eventuell keinen Zugang zu diesen Programmen haben, besonders benachteiligt. Doch das Problem geht noch weiter: Menschen, die aus ethischen Gründen Freie Software einsetzen, dürfen ebenfalls nicht von der Teilnahme an der digitalen Gesellschaft ausgeschlossen werden. Als Mindestmaß, das die Partizipation aller ermöglicht, können hier freie Standards gelten, die aber von unfreier Software oft nur dürftig unterstützt werden.

Nachhaltigkeit

Die Offenheit des Quelltextes und die Freiheit, ihn bearbeiten zu dürfen, bedeutet Sicherheit in Bezug auf die langfristige Planbarkeit. Selbst wenn die bisher an der Entwicklung eines Programmes Beteiligten diese Tätigkeit einstellen, besteht die Möglichkeit, dass sich andere finden, die die Weiterentwicklung in die Hand nehmen.

Selbst wenn dies nicht geschähe, hätten es Unternehmen und Behörden noch immer in Hand — eventuell zusammen mit anderen — selbst die Weiterentwicklung dieser Software zu betreiben. Bei unfreier Software besteht diese Möglichkeit im Gegensatz dazu überhaupt nicht. Man liefert sich konzernstrategischen Entscheidungen aus und hat wenig Einflussmöglichkeit. Oracles Entscheidung das Betriebssystem Solaris komplett einzustellen ist nur ein Beispiel, das zeigt wie schnell man als Nutzer von unfreier Software plötzlich vor dem Aus stehen kann.

Darüber hinaus ist die dauerhafte Verfügbarkeit von Freier Software auch aus ökologischen Aspekten ein Vorteil, da Softwarezyklen so gesteuert werden können, dass eine längere Nutzbarkeit funktionstüchtiger Hardware möglich ist.

Ein weiterer Nachhaltigkeitsaspekt Freier Software ist, dass sie meist auf bewährte und gut dokumentierte Bausteine aufbaut. Dies ist sowohl bei der Entwicklung neuer, angepasster Funktionen für Behörden von Vorteil als auch wenn es um die Wartbarkeit geht, da man überschaubare Code-Teile besser pflegen kann. Durch die Entwicklung werden dauerhafte Werte geschaffen, die bei überstürzten Rückmigrationen zu unfreier Software ohne Not aufgegeben werden.

Sicherheit und Datenschutz

„Security by obscurity“ führt zu einem Verlust von Sicherheit, da Sicherheitsmethoden nicht von unabhängigen Dritten auf ihre Wirksamkeit überprüft und unwirksame Methoden nicht rechtzeitig verworfen werden können. Die Funktionsweise und Sicherheit Freier Software kann durch Studium des Quellcodes jederzeit selbst oder von anderen nachvollzogen und beurteilt und, wenn nötig, verbessert werden. Ohne die Überprüfbarkeit der Funktion und der Möglichkeit auf neue Angriffsmöglichkeiten selbst zu reagieren, ist weder Sicherheit noch Datenschutz möglich. Daten könnten sonst ohne Wissen und vor allem ohne Reaktionsmöglichkeit des Nutzers oder des berechtigten Eigentümers von Dritten abgegriffen werden. Insbesondere in Bezug auf sogenannte Cloud-Lösungen, aber auch bei unfreier Software im Allgemeinen bedeutet dies Rechtsunsicherheiten beim Betrieb dieser Softwarelösungen in Behörden.

Fallstricke

Eine Migration hin zu Freier Software ist kein triviales Projekt und kann der Erfahrung nach unter Umständen an einigen „Fallstricken“ scheitern. Davon sind viele nicht-technischer Art, da oftmals zum gleichen Zeitpunkt die Struktur der IT in der Verwaltung komplett umstrukturiert wird. Wenn zur gleichen Zeit zusätzlich verschiedene IT-Dienstleistungen neu gruppiert werden, kann es zu organisatorischen Problemen kommen, die dann oftmals Freier Software zugeschrieben werden. Diese der Freien Software zugeschriebenen Probleme führen mitunter zu dem Bedürfnis die Probleme durch eine Rückmigration zu beheben. Es ist daher empfehlenswert, Strukturfragen in der IT von den technischen und gesellschaftlichen Fragen getrennt zu betrachten.

Gerade bei einer vorher vorhandenen starken Abhängigkeit von einzelnen Anbietern, dauert es unter Umständen lange bis diese Abhängigkeiten so aufgelöst werden, dass man die Vorteile Freier Software voll ausschöpfen kann. Bildlich gesprochen muss man sich hier erst aus einem Loch aus unfreier Software ausgraben. Es lohnt sich bei diesem Prozess durchzuhalten, da man am Ende eine wesentlich nachhaltigere und zukunftssichere Lösung gewonnen hat.

Fazit

Da Freie Software die Autonomie der Nutzer stärkt, freie Standards unterstützt und damit die digitale Teilhabe und Nachhaltigkeit fördert und gleichzeitig eine notwendige Voraussetzung für Sicherheit und Datenschutz ist, wäre es gerade jetzt, wo national wie international die Weichen für Freie Software gestellt sind, widersinnig, einen Weg zu unfreier Software einzuschlagen. Freie Software bietet schon dann enorme Vorteile, wenn man zu einer Minderheit gehört, die sie einsetzt, aber besonders in der Kooperation mit anderen liegen enorme Chancen, die es jetzt zu nutzen gilt. Wer jetzt auf Freie Software setzt, sichert sich die technologische Zukunft langfristig und garantiert dauerhafte Wartbarkeit von Systemen und erheblich verbesserte Kooperationsmöglichkeiten mit anderen Stellen, die nun ebenfalls zu Freier Software wechseln. In diesem Zusammenhang weist das BSI zu Recht auf die vielen Vorteile Freier Software hin. Wir sollten die geschaffenen Werte und das in den Behörden entstandene Know-How nutzen und darauf aufbauen, statt es zu verwerfen.